Mitten im Leben sind wir vom Tod umfangen

Raum der Stille

Als gebaute Caritas waren die Spitäler des Mittelalters und der frühen Neuzeit der Sorge um den bedürftigen und nicht zuletzt den alten und sterbenden Mitmenschen gewidmet. Tradition und Wandel dieser Idee wird im Fränkischen Spitalmuseum Aub präsentiert. Von Beginn an war es den Museumsmachern wichtig, nicht nur ein „Museum der Gegenstände und der Vergangenheit“ aufzubauen, sondern durch die Ausstellung auch die dahinterliegenden Gedanken und Ideen aufzuzeigen sowie Verbindungen zur Gegenwart herzustellen. So reifte im Kontakt mit den Hospizverantwortlichen der Malteser in der Diözese Würzburg schon während der Planungsphase die Idee, dem Spitalmuseum einen „Raum der Stille“ anzugliedern, der zur Besinnung über Gesundheit und Krankheit, über Leben und Tod und über die eigene Endlichkeit anregen soll.

Dieser „Ge-Denkraum“ wurde inzwischen geschaffen und ist mit Beginn der Museumssaison 2007 den Besuchern zugänglich.

Den „Raum der Stille“ betritt der Besucher nicht direkt vom Flur aus. Neben der alten Spital-Totenbahre kommt man zunächst in einen Vorraum, in dem eine schmale Vitrine steht, auf der die Worte Martin Luthers zu lesen sind:

Mitten im Leben sind wir vom Tod umfangen.

Die unter den Klappen auf der Oberseite zu entdeckenden Fotos zeigen Gesundheit und Krankheit, Leben und Sterben in den verschiedensten Lebensphasen - Erinnerung an die eigene Endlichkeit und die Bedrohtheit menschlichen Lebens. Unter einer Klappe schaut der Besucher in einen Spiegel und wird selbst Teil der Inszenierung.

Der eigentliche „Raum der Stille“ ist ein runder „Raum im Raum“, gänzlich weiß, indirekt und gleichmäßig beleuchtet, der Boden bedeckt mit weißem Kies. In der Mitte des Raumes steht auf einem Kubus eine Urne der Würzburger Keramik-Künstlerin Anne Diekmann-Spielmann. Sie weist hin auf unsere Endlichkeit und erinnert an die eigene Sterblichkeit.

Was werden wir sein in hundert Jahren?

Der Erde vermählt und Gott anvertraut, zwei Hände voll zärtlichem Staub.

Schreibt die österreichische Lyrikerin Christine Busta in einem Gedicht.

Bedenke Mensch, dass du Staub bist und wieder zum Staub zurückkehren wirst

heißt es beim Ritus des Aschenkreuzes am Aschermittwoch in der katholischen Kirche.

Die eigene Endlichkeit - das helle, weiße Rund lässt Raum für eigene Gedanken und Empfindungen und schafft eine eindrückliche, fast entgrenzende Raumerfahrung. Auf ein eindeutig religiöses Symbol wurde bewusst verzichtet. Der Raum will nicht für eine bestimmte Überzeugung vereinnahmen. Er möchte - wohl am besten am Ende des Museumsbesuchs - den Besuchern in aller Offenheit Raum bieten - Raum zur Stille, zum Nachdenken und Empfinden - in der sensiblen Konfrontation mit dem, was uns alle verbindet, dem Tod, der einzigen Sicherheit jedes Lebens. Er möchte beitragen zu einer emotionalen wie persönlich-existentiellen Vertiefung der in den Museumsräumen erfolgten Begegnung und Auseinandersetzung mit Alter, Krankheit und Sterben im Kontext eines Spitals.

Die beiden neuen Räume des Spitalmuseums stehen in der langen Tradition des „Memento-mori“ und sind - um des Lebens willen - Anstoß, sich den Fragen von Krankheit, Alter und Tod auch im eigenen Leben ehrlicher zu stellen und die eigene Lebenszeit bewusster zu gestalten und zu leben. Mit dem Verweis auf die Hospizbewegung geben sie zugleich auch eine Antwort auf die Frage nach dem Miteinander und Füreinander am Ende des Lebens: „Zusammen leben bis zuletzt“.

Es sind die Lebenden, die den Toten die Augen schließen.
Es sind die Toten, die den Lebenden die Augen öffnen.

Vielleicht erahnt mancher Besucher und manche Besucherin die Wahrheit dieser Worte, die auf zwei durchscheinenden Papierbahn im Vorraum zu lesen sind (siehe Bild).

Die Bestückung des Raumes mit der Keramik-Urne von Anne Diekmann-Spielmann ist temporär. Es ist geplant ist, verschiedene Künstler zur Auseinandersetzung mit Leben, Sterben und Tod und einer daraus resultierenden temporären Gestaltung des runden, weißen Raumes einzuladen.

Planungsgruppe „Raum der Stille - Fränkisches Spitalmuseum Aub“:
Martina Mirus, Hospizverantwortliche der Malteser / Diözese Würzburg
Christina Gold, Pressesprecherin der Malteser / Diözese Würzburg
Daniela Schweitzer, Referentin für Hospizarbeit der Malteser (bis 2005)
Dr. Wolfgang Reddig, Historiker
Felix Tannenberg, Architekt
Burkard Fleckenstein, Pastoralreferent